P-K012 – Sterben und Tod im muslimischen Kontext (2)

Songül Yasar, ehrenamtliche Klinik- und Notfallseelsorgerin Frankfurt, Stellvertretende Vorsitzende von Salam e.V. – Auf die Podcastfolgen 12-14 ist das rund 45 minütige Interview, welches ich Mitte August in Frankfurt geführt habe, verteilt.

 

  1. Der Tod ist eingetreten…
    1. Songül Yasar hat die Erfahrung gemacht, dass sehr viele Angehörige zunächst mit der Situation überfordert waren. Was ist wann und wie zu machen? Nach dem Tod und der Freigabe durch den Arzt (Totenschein) kann die rituelle Waschung beginnen. Aufschiebend könnten hierbei eine Organspende oder ein erwarteter wichtiger Besuch von weiter weg, ggf. Ausland ist angekündigt oder eben eine Überführung ins Ausland.
    2. Die Waschung, eine religiöse Zeremonie mit eigenen Regeln, findet sehr zeitnah an die Grablegung statt. Es gibt spezielle Leichentücher für Männer und Frauen. Dann wird der Verstorbene an den Ort gebracht, wo die Grablegung stattfinden wird. Muslime haben alleine die Erdbestattung, andere Formen sind nicht erlaubt. Dort beginnt dann auch das Totengebet. Hier sollen so viele Trauernde kommen wie möglich und Fürbitte für den Verstorbenen halten.
    3. Der Ort der Grablegung, viele aus Gründen der Heimat im Ausland, auch die Frage, wie lange hier in Deutschland ein Grabgelege liegen darf (20 Jahre plus) spielt eine Rolle. Wobei Songül Yasar den Trend zur Bestattung hier in Deutschland wahrnimmt.
    4. Die Waschung des Toten ist zuerst Familiensache. Dabei werden in der Regel Männer von Männern gewaschen und Frauen von Frauen. Ausnahme sind die Ehepartner, hier darf zumindest die Ehefrau den Ehemann waschen. Darüber hinaus gibt es professionelle Totenwäscher. Da dies eine religiöse Zeremonie ist, sind auch keine Nicht-Muslime dabei. Diese Frage kommt beispielsweise bei nicht-Muslimischen Bestattern auf.
    5. Muslimische Bestatter gibt es noch nicht so viele. Songül Yasar nennt das Institut Sabir in Neu-Isenburg. In der Praxis kann jedoch jeder Bestatter eine muslimische Beerdigung übernehmen, allerdings versteht es sich von selbst, dass dabei religiösen Vorschriften eingehalten werden. (Hinweis P-K009 – Interview mit dem Bestatter Michael Dechert, Darmstadt)

 

Interviewpartnerin:  Songül Yasar

Salam e.V. Büro, Universitätsklinikum – Haus 1 Zi 12,  Muslimische Seelsorge, Theodor-Stern-Kai 7, 60590 Frankfurt, Deutschland – www.salamev.de

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P-K007 Interview mit Michael Dechert, Dechert Bestattungen (Teil 1v4)

Der Tod gehört zum Leben.

Auch wenn wir dieses lieber verdrängen, ist es hilfreich sich zumindest einmal selbst mit dem Thema auseinander zu setzen. Das erleichtert vieles. Dem Bestatter kommt hier eine wichtige Aufgabe zu. Michael Dechert war spontan bereit zu einem Interview in dem Podcast „Neues aus der Klinikseelsorge“.  Michael Dechert, ein sehr freundlicher Mensch mit einigen Lachfalten, führt gemeinsam mit seinem Bruder die Darmstädter Pietät in dritter Generation.

Ich habe das Gespräch, was rund eine Stunde dauert, auf vier Episoden (P-K007-P-K010) von jeweils rund 15 Minuten aufgeteilt. Das erschien mir bei einem solch emotionalen Thema angemessen.

 

  • Michael Dechert stellt sich persönlich vor.
  • Wie kommt der Erstkontakt mit dem Bestatter zustande.
    • Hier gibt es zwei Möglichkeiten:
      • Die einen regeln vorausschauend für den irgendwann eintretenden Tag ihres Ablebens. Dann ist alles, bisweilen zur Übergabe der ausgekehrten Wohnung besprochen und auch finanziert.
      • Die anderen kommen mit dem Bestatter erst nach dem Ableben ihres Verwandten oder Freundes in Kontakt. Häufig auf Empfehlung, vielfach war Dechert-Bestattungen aber auch schon in der Generation davor in dieser Familie der Begleiter zum Friedhof. Diese gute Erfahrung wird dann an die nächste Generation weitergegeben.
  • Im Angesicht des Todes
    • Jeder der verstorben ist, war für mindestens einen anderen Menschen ein sehr wichtiger Mensch – in diesem Sinne begleitet der Bestatter diesen auch sehr würdig auf dem Weg zum Grab.
    • Dechert beschreibt die Schritte, die dazu gegangen werden müssen. Der erste wichtige Schritt ist die ärztliche Totenbescheinigung. Besonders geht Michael Dechert auf die Situation ein, wenn hier das Kreuzchen bei der Todesursache auch bei ungeklärt steht.
    • Sterbesituationen, wenn der/die Verstorbene eben nicht „alt und lebenssatt“ abends im Bett eingeschlafen sind. Wie geht er selbst damit um, wie kann er mit seinen Kenntnissen in Thanato-Praxie die Angehörigen beim Abschiednehmen unterstützen.

 

Kontakt: Michael Dechert

DECHERT Bestattungen
Inhaber: Markus und Michael Dechert

Ludwigshöhstraße 46 – 64285 Darmstadt

Telefon: 06151 / 96810
Telefax: 06151 / 968120

Internet: www.dechert-Bestattungen.de
E-Mail: info@dechert-bestattungen.de

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P-K 010 Interview mit Michael Dechert, Dechert Bestattungen – Teil 4

In den vorherigen drei Folgen (P-K007-009) erzählte der Darmstädter Bestatter Michael Dechert im Gespräch mit Stefan Hund, dass viele ihre Bestattung im vorhinein regeln. Bei etwa der Hälfte seiner Kunden kommt der Erstkontakt erst mit der Situation des Todes. Dabei kommen viele auf Empfehlung und viele auf gute Erfahrung mit Dechert-Bestattungen in einer Generation davor. Weiterhin erzählt Dechert über das Projektmanagement Bestattung.

In der heutigen Folge sind die Stichworte:

  • Was darf in den Sarg?
  • Vor der Bestattung kontrolliert Michael Dechert noch mal alles, da in diesem Moment eine Unachtsamkeit nachhaltig wäre.
  • Musik bei der Bestattung
  • Fotos im Anschluss
  • Die Arbeit des Bestatters nach der Bestattung
  • Geht ein Bestatter privat zu einer Party – (K)ein Beruf wie jeder andere
  • Wie geht der Professionelle Bestatter privat mit einer Sterbe/Trauersituation um?
  • Bestatter ist ein schöner Beruf und einer mit Zukunft. Aber es bedarf guter Vorbereitung.

Wir danken herzlich für das Gespräch. Michael Dechert ist ein Mensch mit sehr viel Lebensfreude. Das bringt möglicherweise auch der Beruf mit sich, in dem man so viel schlimme Sachen sieht.

 

Kontakt: Michael Dechert

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P-K 009 Interview mit Michael Dechert, Dechert Bestattungen – Teil 3

In den vorausgegangenen Episoden (P-K007-008) erzählte der Darmstädter Bestatter Michael Dechert von denjenigen, die ihre Bestattung (teilweise Jahrzehnte) im Voraus planen und von Menschen, die erst mit dem Eintritt des Todes eines geliebten Menschen mit dem Bestatter in Berührung kommen. Wenn der Totenschein durch einen Arzt ausgestellt ist, beginnen Michael Dechert und seine Mitarbeiter freundlich und zugewandt das professionell zu organisieren, was in dieser Situation zu tun ist – auf Wunsch auch über das Basisangebot hinaus.

Stichworte in dieser Folge:

  • Worin unterscheiden sich religiöse und nicht-religiöse Bestattungen?
  • Viele Verwandte von Kirchenmitgliedern haben keinen Kontakt mehr zur Kirche. Hier vermittelt Michael Dechert den Kontakt zu Darmstädter Pfarrerinnen und Pfarrer. Viele Angehörige sind positiv überrascht, wenn sie dann den zuständigen Pfarrer/Pfarrerin vor Ort kennenlernen.
  • Auch wenn 10-15% der Menschen ohne Verwandtschaft oder auch engere Bezugspersonen sterben, Michael Dechert versichert: Jeder wird bei seinem letzten Gang begleitet.
  • Kosten einer Bestattung
  • Am Geld scheitert keine Bestattung. Mit gutem Willen und einigem Geschick ist hier viel möglich – oft erleichtert das auch die Trauer.

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P-K008 Interview mit Michael Dechert, Dechert Bestattungen – Teil 2

Im ersten Teil (P-K007) ging es um den ersten Kontakt mit Michael Dechert als Bestatter. Dies kann jeder entweder zu Lebzeiten machen oder eben seine Angehörigen, wenn er oder sie verstorben ist. Wenn der Tod eingetreten ist, muss ein Arzt den Tod feststellen und bestätigen…

In dieser Folge sind die Stichwörter

  • Wenn ein Mensch im Auslandsurlaub verstirbt
  • Michael Dechert und seine Mitarbeiter übernehmen das Projektmanagement für die Bestattung. Dazu gehören zu erst Absprachen mit dem Pfarrer/der Pfarrerin oder allgemeiner der Leitung der Bestattungsfeier und dem zuständigen Friedhofsamt, betreffen alles rund um die Bestattung, danach übernimmt er, wenn beauftragt, den Weg zu Ämtern und Versicherungen…
  • Gesetzliche und technische Rahmenbedingungen für eine Bestattung in Darmstadt
  • Michael Dechert arbeitet als mit allen Religionen zusammen. Dabei achtet er sehr darauf, dass diese ihre jeweiligen Riten durchführen können und auch das das Grab entsprechend ausgesucht und vorbereitet ist.
  • Erdbestattung oder Feuerbestattung. Die Feuerbestattung eröffnet viele Möglichkeiten.
  • Urne im Wohnzimmer

 

Kontakt: Michael Dechert

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006 – Interview mit Pfarrer Dr. Dr. h.c. Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau

„Zeit haben und einen heiligen Raum öffnen“


Zur Person: Dr. Volker Jung, *1960, ist evangelischer Pfarrer, arbeitete viele Jahre im Gemeindepfarrdienst im hessischen Vogelsberg, wurde dann zunächst in das Amt des Dekans dieser Region und 2008 von der Landessynode (oberstes Kirchenparlament) zum Kirchenpräsidenten der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau gewählt.

Foto: EKHN

Das Amt des Kirchenpräsidenten entspricht in anderen – auch evangelischen Kirchen dem Bischofsamt. Seit 2009 wohnt er mit seiner Familie in Darmstadt. Während seines Dienstes als Gemeindepfarrer und als Dekan hat er sich regelmäßig Zeiten für Besuche im Lauterbacher Krankenhaus genommen.

Als Privatperson war Volker Jung, wenn überhaupt, immer nur kurz im Krankenhaus. In den vergangenen beiden Jahren jedoch hatten seine Eltern jeweils einen längeren Klinikaufenthalt. Und Volker Jung war sowohl in der Rolle des Sohnes als auch in der des Kirchenpräsidenten froh, dass uns wie seine Eltern von den wohltuenden Begegnungen mit der Pfarrerin erzählt haben.

 

Klinikseelsorge – Was deiner Seele guttut:

In seinem eigenen Dienst als Pfarrer war es Volker Jung wichtig mit einer großen Freiheit – und eben nicht vorgegebenen Antworten oder Schablonen auf die Patienten zuzugehen. Eben zu fragen: „Was tut Dir gut…“?

Es gibt Menschen, so der Kirchenpräsident, die brauchen gar nicht viele Worte. Die brauchen es aber, dass jemand einen Moment an ihrem Bett sitzt und authentisch Nähe signalisiert. Andere Patienten wollen reden, ganz viel reden. Vornehmlich über ihre Krankheitsgeschichte, die sie in diesem Moment belastet, oft aber auch über ihr ganzes Leben reden.

Im Krankenbett viele Stunden liegen, da lässt mancher so Einiges Revuepassieren. Wenn dann jemand – ein Klinikseelsorger oder eine Pfarrerin da ist, bei dem man spürt, da ist ein Ohr, für MICH, für MEINE Geschichte, dann ist das etwas, was der eigenen Seele GUT tut.

Grüne Damen – ein unschätzbarer Dienst

Viele Patientinnen und Patienten schätzen den Dienst der der „Grünen Damen“ und mittlerweile auch „Grünen Herren“ außerordentlich. (Anmerkung: Das sind ehrenamtlich Aktive, ausgebildet und geleitet von der evangelischen und katholischen Klinikseelsorge.)

Das sind Menschen, die gehen im Auftrag der Klinikseelsorge durch ihre jeweilige Station und fragen die Patientinnen und Patienten: „Was brauchst Du denn jetzt, womit kann ich Dir helfen, etwas Gutes tun.“ Auch bereits kleine Handreichungen können der Seele guttun. (Anmerkung: Das kann das Nachfüllen des Wasserkruges, das Verschieben des Zimmervorgangs sein – oder auch das Einkaufen einer bestimmten Tageszeitung oder Illustrierten vom Klinikkiosk)

„Ich bin gemeint“

Gerade im Krankenhaus, so Jung, haben Menschen eine hohe Empfindsamkeit und spüren genau, ob Menschen sich um MICH mühen, ob Menschen für mich da sind, oder ob ich nur behandelt werde. Und es ist wunderbar, wenn das alles ineinandergreift.

Wenn Du willst, bin ich für Dich da

Das Grundverständnis eines Pfarrers bzw. einer Pfarrerin in der Klinik ist nach Volker Jung: „Wenn Du willst, bin ich für Dich da! Und das ist unabhängig von der Konfession oder der Religion. Das ist auch unabhängig davon, dass vielleicht jemand vor einigen Jahren entschieden hat, ich will aus der Kirche austreten. Diese Zuwendung gilt ALLEN. Und es ist gut, wenn Kliniken von sich sagen: Es ist gut, wenn in unserem Haus Klinikseelsorgerinnen und Seelsorger unterwegs sind, und sie das auch als Unterstützung der Arbeit im Krankenhaus erleben. Wenn Seelsorge zum Heilungsprozess beiträgt, so Jung, ist das sehr gut.

Klinikseelsorge – „Ich habe Zeit, ich bin da, ich komme zu Dir, welches Thema hast Du? – vielleicht auch im Moment kein Konkretes.“

Die Kirchensteuer versetzt uns in die Lage, Dienste anbieten zu können. Und das ohne danach fragen zu müssen, was zahlt der oder die andere dafür. Und das gibt gerade im Bereich der Seelsorge eine große Freiheit für die Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie können sich jeder und jedem zuwenden, sie müssen sich nicht auf diejenigen konzentrieren, von denen sie meinen, dass dort die meisten Spenden zu holen wären. Das ist eine ganz große Freiheit für den Pfarrdienst – zugleich aber auch eine (Selbst-)Verpflichtung: „Du wirst dafür bezahlt, für Menschen Zeit zu haben – und die nimm Dir jetzt auch- das ist die andere Seite.“ Diejenigen, die das System der Kirchensteuer kritisieren, denen hält Jung entgehen, dass die Kirchensteuer ermöglicht, Menschen unabhängiger gegenüber zu treten. Was für beide Gesprächspartner und die Seelsorge eine enorme Stärkung bedeuten kann.“

Seelsorge ist Gespräch, Gebet und Segen – was noch? Seelsorge hat ein breites Spektrum, hierzu gehört beispielsweise auch die Arbeit eines Ethik-Komitees. Jung erzählt von seinen Besuchen am Krankenbett – hier hat er erstmal lange und viel zugehört. Ich habe auch Fragen gestellt und versucht, mit Menschen einige Schritte darüber hinaus zu gehen, als das, was man für sich alleine denkt und zu Recht legt. Und dann kam ganz oft der Punkt, wo ich die Menschen gefragt habe: „Darf ich für Sie ein Gebet sprechen? Und dann habe ich versucht, dass was wir miteinander besprochen haben, nochmal zusammen zu fassen und im Gebet vor Gott zu bringen. In der Regel war es dann auch so, dass ich dieses Gebet oder auch diesen Besuch mit einem Segenswort abgeschlossen habe.“ Damit ging es in einander über – das Reden und das so zu sagen Gottesdienstliche dieses Besuches. Ich habe gemerkt, dass dies vielen Menschen viel bedeutet hat. Und das unterscheidet genau noch mal diesen Besuch des Seelsorgers von dem ebenso sehr zu schätzenden Besuch einer psychologischen Begleitung und Betreuung.

Bei seinen damaligen Besuchen in der Klinik gab es mehrere Phasen. In der einen Phase hatten sich die Kolleginnen und Kollegen die Stationen aufgeteilt und sind von Zimmer zu Zimmer gegangen, in einer anderen Phase wurden erst einmal die Gemeindeglieder besucht – und dabei ergab sich oft in 2 oder Mehrbettzimmer auch Gespräche mit anderen. Jene, die sich in diesem Moment interessiert eingeschaltet hatten.

Die Medizinische Entwicklung ermöglicht uns, Menschen zu helfen, wo das früher nicht möglich war. Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass wir zunehmend in Bereiche vordringen, wo es nicht einfach zu entscheiden ist, ob etwa lebensverlängernde Maßnahmen fortgesetzt werden oder nicht. Und das sind Situationen, wo wir alle auch miteinander lernen müssen. Und zu diesen Lernenden gehören genauso die Seelsorgerinnen und Seelsorger, wie die Ärzte und auch die Angehörigen. Mehr noch, auf für uns als Seelsorger müssen wir da vorarbeiten und auch (grundsätzliche) Entscheidungen für uns treffen. Dann kann das Gespräch mit einer Seelsorgerin – einem Seelsorger ausgesprochen hilfreich sein, gerade wenn Menschen sagen, mir ist es wert auch gerade diese christliche Perspektive mit zu bedenken. In Kliniken bedeutet das bei der Besetzung des Ethik-Gremiums eine bewusste Entscheidung für die Mitgliedschaft eines Klinikseelsorgers – einer Klinikseelsorgerin. Und es ist auch klar, dass dort ein Theologe oder eine Theologin in diesem Gremium niemals seine Stimme als eine direktive einbringen wird. Die christliche Perspektive wird hier eingetragen als eine Hilfe zur Entscheidungsfindung.

Die zukünftigen Herausforderungen in der Klinikseelsorge sind noch nicht ganz einfach zu benennen, hier ist vieles in Bewegung und auch die Aufenthalte n der Kliniken werden zunehmend kürzer. Hier ist auf jeden Fall die Frage, wie sieht es mit dem Übergang aus. Wenn Patientinnen und Patienten einen seelsorgerlichen Kontakt in der Klinik hatten – und wie kann dies dann in der Wohnsitz-Kirchengemeinde eine Fortsetzung finden? Wenn die dann Entlassenen sagen, das hat mir gut getan – wo kann ich jetzt daheim auch anknüpfen – beispielsweise zum Gemeindepfarrer oder Gemeindepfarrerin oder auch zu jemand anderem, der sie seelsorgerlich begleitet. Jung fragt, wie kann das auf den Weg gebracht werden? Hier sieht er eine wichtige Vernetzungsaufgabe.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist für den Kirchenpräsidenten die Begleitung der Angehörigen, wenn ein Mensch in der Klinik verstorben ist. Hierbei ist jede Situation unterschiedlich, bei dem einen ist es ein Sterbeweg – Schritt für Schritt, beim anderen ist es sehr plötzlich. In diesem Moment jemand an der Seite zu haben, der dann sorgsam dafür sorgt, dass die Bedürfnisse des Abschiednehmens erkannt werden und dass dem auch Raum gegeben wird … das ist für mich eine außerordentlich wichtige Aufgabe in der Klinikseelsorge. Dazu gehört auch, dass es in der Klinik entsprechende räumliche Voraussetzungen braucht, um einem Abschied Zeit geben zu können. Gerade auch dann, wenn nahe Angehörige erst einmal von weit herkommen müssen, die bewusst auch noch an einem Bett Abschied nehmen wollen. Hier reicht ein kleines Zeitfenster nicht. Ein Abschiedsraum, gleich eines Raumes außerhalb des laufenden Betriebes ermöglicht hier vieles. Ein Abschiedsraum braucht und ermöglicht einen Platz im Klinikalltag. Das gilt für Angehörige aller Religionen.

Hund: Das tut der Seele gut. In dem Moment, wo die Seele, der einzelne Mensch, erlebt: Ich bin angenommen. Da ist eine Klinikseelsorgerin, ein Klinikseelsorger, der meint mich. Der/ Die hat auch wirklich etwas zu sagen, eine Botschaft für mich. Ein tolles Angebot, dass Sie als Kirche ermöglichen. Hier bedauert Jung, dass dies leider nicht flächendeckend angeboten werden kann. Insofern ist es wichtig, Pfarrerinnen und Pfarrer aus den Gemeinden die Möglichkeit zu geben, hin und wieder in den Kliniken präsent zu sein. Aber es braucht auch Klinikstandorte, wo es richtig und gut ist, mit ganzen Stellen für Klinikseelsorge präsent sein. Er würde das gerne auch noch viel weiter ausbauen, aber auch die Evangelische Kirche hat hier begrenzte Möglichkeiten. Dann fügt er hinzu: „ Ich bin aber sehr, sehr dankbar für den Dienst der Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Kliniken, weil das eine ausgesprochen wichtige Aufgabe ist.

 

Kontakt:

Pfarrer und Kirchenpräsident der EKHN

Dr. Dr. h.c. Volker Jung

Paulusplatz 1

64285 Darmstadt

kirchenpraesident@ekhn.de

Aufnahmetermin am 2.10.2017, 14.30 in der Kirchenverwaltung

 

 

004  – Der Tod ist nahe herangerückt – wie reden wir im engsten Kreis darüber – oder eben nicht …

 

Eine Geschichte, die immer wieder so passiert:

Als Klinikseelsorger werde ich zu einem Patienten im palliativen Bereich gerufen. Vor der Tür treffe ich den Sohn oder die Tochter. Das Gespräch endet, bevor ich ins Zimmer gehe, mit der Bitte, dass ich dem schwer kranken Vater/Mutter nicht sagen soll, das der Tod nahe bevorsteht. Spreche ich dann im Zimmer mit dem Patienten, erhalte ich auch dort den Auftrag, dem Sohn/Tochter nichts vom bevorstehenden Ableben zu erzählen.

Ein Auftragsdilemma, da alle Bescheid wissen, es aber aus vermeintlicher Rücksicht auf den anderen nicht aussprechen wollen. Gründe dafür gibt es viele.

Manchmal entscheide ich, es genau bei diesen Aufträgen zu belassen. Manchmal bringe ich die Beteiligten behutsam ins Gespräch. Denn jetzt kann noch das miteinander besprochen werden, wozu im kommenden Monat keine Gelegenheit mehr sein wird. Jetzt kann es um das Essentielle gehen, wie auch im Johannes-Evangelium – die Abschiedsreden Jesu.

In diesem Moment, so ist es mir schon vielfach gegangen, geht es weniger um die Trauer und den Abschied, wohl aber um das beantworten der wichtigsten gemeinsamen Fragen und vor allem um das mögliche Schließen offener Enden.  Mehr noch, es geht um eine Art von Transformation der bisherigen Beziehung. Das verändert (verbessert) auch deutlich die Trauer über den Tod dieses Menschen.

Aber dazu müssen beide bereit sein und auch miteinander ins Gespräch kommen. Sonst gibt es einen Zeitpunkt, wo das nie mehr gehen wird. Musikalisch wird dieses von Mike Rutherford im Blick auf seinen eigenen Vater in der Ballade „In the living years“ (Mike and the Mechanics) besungen.

 

Bei allem, es ist meine fast immer gemachte Erfahrung, dass Jeder in irgendeiner Form wusste, dass er sich in der finalen Runde des Lebens, in Sichtweite der Ziellinie, befindet. Auch wenn keiner etwas gesagt hat. Einige Male durfte ich Menschen schon begleiten, die auf dieser Zielgerade noch Ballast in Form einer Lebensbeichte abgeworfen haben und damit leichter ins Ziel kamen.

 

003 – Auf dem letzten Meter des Lebens

Sterbebegleitung


Ausgangssituation: Ich werde von einer Stationsmitarbeiterin in Absprache mit der Familie zu einem Sterbenden gerufen.

Da dies in der Nachtrufbereitschaft passiert, habe ich eine gute halbe Stunde Anfahrtszeit, Gedanken – an denen ich meine Hörerschaft teilhaben lasse, gehen mir durch den Kopf.

Die nächste Szene ist das Krankenzimmer auf der Intensivstation. Die engsten Angehörigen sind hier versammelt. Die Anzeige auf den Geräten signalisieren, dass es nicht mehr lange dauern wird. Ich bitte die Angehörigen sich im Kreis mit dem Sterbenden zu versammeln.

Ich öffne gleichsam den heiligen Raum mit den Worten, die einer Überschrift oder auch einer Torinschrift in diesem Moment gleichen: „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“

Ich schenke nun den Anwesenden eine kleine Bildkarte mit einem Bronzeengel aus, lasse das Bild einen Moment wirken und lese auf der Innenseite Worte aus dem 91. Psalm vor, lasse Raum für Eigenes, und lade ein gemeinsam das Vater Unser zu beten. Ich schließe mit dem Segen – insbesondere mit dem Hinweis, der mir aus vielen Begegnungen im Kloster Gnadenthal zentral geworden ist, den ich etwas abgewandelt habe: Und wohin wir jetzt auch immer gehen, dort ist schon unser Gott! Gehen wir im Frieden Gottes – und beende mit dem Kreuzzeichen. Stille erfüllt den Raum, nur die medizinischen Geräte sind zu hören.

Als ob der Sterbende genau auf diesen Moment gewartet hat, bewegen sich ab diesem Moment seine Vitalwerte deutlich im Sinkflug. Alle wissen, was das bedeutet. Trotz aller Traurigkeit ist es ein Abschied in Würde, fast schon in einer Gelassenheit. Ein heiliger Moment, so würde ich es nennen, folgt.

Nach und nach verlassen alle den Raum. Die Witwe bittet nachher noch mal zu ihrem verstorbenen Mann zu gehen, was aber kein Problem ist.

In der neuen Situation wollte sich die Witwe orientieren, daher habe ich ihr Hinweise auf das Thema Bestattung gegeben und sie hat ihren ersten Anruf beim Bestatter gemacht.

In der nächsten Episode lade ich Sie ein, mich bei einer Aussegnung zu begleiten. Es wird also eine Geschichte sein, da ein Mensch eben gerade gestorben ist und der Klinikseelsorger gleichsam erste Hilfe an den allerengsten Angehörigen leistet und den Verstorbenen aus ihrem Kreis heraus begleitet.